El Peñon der Schicksalsberg – Wie ich mir einen Wirbel brach und was ich daraus gelernt habe

El Peñon der Schicksalsberg – Wie ich mir einen Wirbel brach und was ich daraus gelernt habe

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Nach etwa sieben Monaten Reisen quer durch Nordamerika und Mexiko kamen wir am 24. Oktober endlich an einem meiner lang ersehnten Ziele an: Dem Fliegermekka Valle de Bravo in Mexiko. Lange schon hatte ich mich darauf gefreut, hier zu fliegen – um diese Jahreszeit soll es wegen des verlässlichen Wetters jeden Tag gehen – und das Valle aus der Luft zu erkunden. Leider fiel unser Aufenthalt deutlich anders aus als gedacht und geplant: am zweiten Tag nach der Ankunft hatte ich einen schweren Unfall, der unserem Aufenthalt ein jähes und schmerzhaftes Ende setzte. Wie kam es dazu?

Der Tag des Unfalls begann wie bereits die beiden Tage zuvor mit der Auffahrt zum Startplatz El Peñon. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit meiner Freundin Julie sowie unserem gemeinsamen Freund und WG-Mitbewohner Robin unterwegs, der uns in Mexiko „besuchte“. Robin musste um 15 Uhr einen Bus aus dem Valle zum Flughafen in Mexiko City erwischen. Es war also klar, dass wir spätestens um halb Drei in Richtung Valle de Bravo aufbrechen mussten.

Robin war noch beschäftigt, seine Sachen zu packen und meinte, er könne Julie und mich später am Landeplatz abholen. So konnten wir noch eine Runde im Tandem fliegen. Jedoch hatte ich gerade meinen eigenen neuen XENON erhalten und war scharf darauf, den Schirm zu fliegen. Zuvor hatte ich mir als NOVA-Mitarbeiter immer wieder mal einen XENON-Demoschirm ausgeliehen. Jetzt hatte ich endlich meinen eigenen.

Also überredete ich Julie, mich zunächst solo die Luft „antesten“ zu lassen. Gesagt, getan. So ging es also mit dem XENON in die Luft. Die Bedingungen waren gut und ich konnte sogleich aufdrehen. Ich flog einmal die Ridge bis San Pedro entlang und drehte dann um, da ich ein schlechtes Gewissen bekam, Julie warten zu lassen.

Gefühlter Zeitdruck

Zurück über dem Startplatz machte ich mich zum Toplanden bereit. Die Thermik vor dem Startplatz brodelte mittlerweile kräftig – es ging auf Mittag zu. Ich flog mehrmals zum Toplanden an und die Landung hätte bereits beim zweiten Mal gut geklappt, hätte sich mir nicht ein Drachenflieger in dem Weg geparkt, und mich unfreundlich darauf hingewiesen, dass Toplanden am El Peñon nicht erlaubt sei. Das wusste ich nicht und wollte aber wegen des Tandemflugs dennoch oben einlanden. Ich brach also den Anflug ab, um einen neuen Versuch zu starten.

So langsam fühlte ich so etwas wie Stress. Die Uhr tickte und wir wollten doch noch Tandem fliegen. Mein nächster Anflug fiel etwas schlampiger aus. Ich versuchte mit Überfahrt einlanden, schätzte aber den Pendel falsch ein. Das Resultat war, dass ich am höchsten Punkt des Pendels noch etwa zwei, drei Meter über dem Boden war und aufgrund der Pendelbewegung und des folgenden Vorschießen des Schirms nicht mehr die Landung ohne Bodenkontakt abbrechen konnte. Ich hatte mich in eine Sackgasse manövriert. In dieser Situation entschied ich mich, den Schirm nicht mehr schießen zu lassen, sondern ihn aus zwei, drei Metern herunterzuwürgen. Dieser verzweifelte Versuch endete mit einem harten Einschlag auf der schrägen Wiese.

Glück im Unglück

Glücklicherweise hatte ich im Gurtzeug bereits die Landeposition eingenommen, sprich, ich hing aufrecht und meine Beine waren aus dem Beinsack heraus. So landete ich zunächst auf meinen Füßen und erst dann auf dem Hintern. Ich spürte sofort starken Schmerz im Rücken und musste zunächst liegen bleiben. Da sich der Unfall am Startplatz ereignete, waren einige andere Piloten, sowie Robin und Julie sofort zur Stelle. Nach einer holprigen Fahrt ins nächste Krankenhaus wurde dort ein Kompressionsbruch des ersten Lendenwirbels diagnostiziert. Zum Glück war der Bruch stabil und musste nicht operiert werden. Der Arzt verordnete mir acht Wochen Ruhe und verschrieb mir ein 3-Punkte Korsett.

Seither sind exakt acht Wochen vergangen. Ich sitze an einem einsamen Strand im Bundesstaat Oaxaca (Mexiko) und lasse den Unfall noch einmal Revue passieren. Die nüchterne Erkenntnis: Er wäre zu 100 Prozent vermeidbar gewesen! Die Schuld, dass das dazu kam, kann ich nur mir selbst geben.

Fehleranalyse

  1. In meinen Augen war das größte Problem der zeitliche Stress.
  2. Es geschehen generell sehr viele Unfälle beim Toplanden. Man da muss da grundsätzlich extrem vorsichtig sein. Aber eine Toplandung unter Zeitdruck zu erzwingen, ist definitiv eine sehr schlechte Idee.
  3. Das Bittere an der Angelegenheit war vor allem die Tatsache, dass der Zeitdruck und das Gefühl, jetzt Toplanden zu müssen, nicht der Realität entsprachen. Ich hätte auch einfach entspannt im Tal landen können… Weder Julie noch Robin hätten mir den versäumten Tandemflug übel genommen. Auch zeitlich hätten Robin seinen Bus auf jeden Fall noch erwischt.
  4. Ich habe die Bedingungen am Startplatz eindeutig unterschätzt. Der Crash geschah um die Mittagszeit bei starker Thermik, die vor dem Startplatz hinauf zog. Der Startplatz selbst ist zwar relativ groß (etwa 300 Meter breit), allerdings ist er von hohen Bäumen umgeben, die es schwer machen sich beim Toplanden von hinten „anzuschleichen“. Man muss also mehr oder weniger mit Rücken- bzw. Seitenwind anfliegen, um einlanden zu können. Starke Thermik bedeutet in diesem Fall auch mehr Rückenwind, was eine Toplandung zusätzlich erschwert.
  5. Falsche Toplande-Methode: Bei den ersten beiden Versuchen flog ich noch seitlich an und wollte erst im letzten Moment in den Wind drehen. Dies wäre sicher technisch einfacher gewesen und hätte höhere Erfolgschancen versprochen. Beim Unfall wollte ich mit Überfahrt einlanden. Zwar hatte ich diese Art der Landung zuvor an anderen Orten geübt, aber trotzdem bin ich weit davon entfernt, diese Methode an jedem Ort jederzeit sicher umsetzen zu können. So auch am El Peñon – insbesondere bei viel Wind bzw. Thermik. Ich verschätze mich bei der Pendelbewegung und hatte keine Energie mehr in der Kappe, um noch abdrehen oder ausflaren zu können. Der Unfall war also zu diesem Zeitpunkt bereits unausweichlich.

Schlussendlich denke ich, dass alle beschrieben Fehler sich in gewisser Weise aufsummiert haben und so zu meinem Unfall geführt haben. Gefühlter Zeitdruck + Bedingungen unterschätzen, um dann eine auch durch Stress unsaubere ausgeführte Toplandung zu absolvieren, mit einer Technik, die ich nicht zu 100% beherrsche. Eine gefährliche Mischung wie mir im Nachhinein schmerzhaft klar wurde.

All das musste ich auf dem harten Weg lernen und hatte nun acht Wochen Zeit darüber nachzudenken. Im Nachhinein klängt das alles ziemlich offensichtlich. Aber später ist man nun mal immer schlauer als vorher. Ich hoffe, dass dieser Beitrag dem ein oder anderen von euch hilft, ähnliche Situationen zu vermeiden.

Mein erster Flug nach dem Unfall war ein wunderschöner Sunrise-Soaring-Flug an der wilden Küste von Oaxaca. Ich bin sehr dankbar, wieder in die Luft zu kommen und auch dafür, dass ich nach wie vor keine Angst vor dem Fliegen habe (ist das nun gut oder schlecht?). Meine Motivation ist ungebrochen. Ich freue mich auf jede weiter Flugstunde und hoffe man trifft sich bald in der Luft! Am ehesten wieder ab März im Stubaital 😉

Bis dahin alles Gute, vor allem bleibt gesund

Paul (Nagl)