Ein wunderschöner Abendthermikflug mit Stufenschlepp im Flachland

Ein wunderschöner Abendthermikflug mit Stufenschlepp im Flachland

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Kaum ist man aus dem Sommerurlaub zurück – es war ein wunderschöner Familienurlaub in Österreich – da kündigt sich zuhause seit langem mal wieder ein guter Thermiktag an. Okay, es wird nur grob ausgepackt, nur das Nötigste aufgeräumt, zumindest einen halben Sonntag kann ich mich noch zum Fliegen freimachen.

Im Windenschlepp mit Stufe geht es nach oben

 

Am Schleppgelände ist natürlich viel los, zahlreiche Piloten sind schon unterwegs, noch einige am Platz. Am Himmel stehen wunderbare Cumuli, die jedoch auch ordentliche Abschattungen produzieren. Und es kam wie es kommen musste: gerade, als ich das erste Mal am Seil stehe, war zuvor ein kräftiger Wolkenschatten übers Gelände gezogen und hat in einer kräftigen Ablösung alles an Warmluft abgeräumt, was mich nach oben hätte bringen können. Trotz der optimalen Höhe durch den Stufenschlepp ist aus den 400 Metern Höhe über Grund nur ein Abgleiter zu „genießen“. Die zwei kleinen, kräftigen Thermikblasen 80 Meter über Grund reichen nicht mehr zum Thermikeinstieg, kündigten aber die nächste Thermikauflöse an.

Es dauerte bis 17:10 Uhr bis ich wieder ein Seil bekomme. Einige Piloten packen bereits Ihre Schirme zusammen. Soll der Tag wirklich schon vorbei sein?

Grandios nach oben – doch noch geschafft

 

Zuvor waren Christian und Tobias in einem kräftigen Bart nochmal aufgestiegen… Noch vor meinem Start schiebt sich schon wieder ein Wolkenschatten übers Gelände und nimmt in einer kräftigen Ablösung die Warmluftpakete mit nach oben. Soll ich schon wieder Pech haben und zum falschen Zeitpunkt starten müssen?

Es hilft nichts, die Startbedingungen sind gut, also los. André und Viktor schleppen mich perfekt in drei Stufen auf die zulässige Höhe von 450 Meter über Grund. Nach dem Ausklinken: „Keine Thermik!“ In der Ferne sehe ich Christian und Tobias kreisen! „Ganz schön weit weg!“ denke ich, „ob ich da noch hinkomme bevor ich am Boden stehe?“ Der Blick nach untern auf den großen Wolkenschatten lässt nur eine Entscheidung zu: „Das ist meine einzige Chance!“ Ich muss vor die Abrisskante des Wolkenschattens, um noch eine Chance zu haben. Zum Glück macht mein SECTOR im Halbgas eine gute Linie, schnell und dennoch nur moderates Sinken.

Auf Strecke im Flachland

 

Noch vor Erreichen der Wolkengrenze am Boden erreiche ich nach einem kurzen Abwindband den Nullschieber, perfekt, raus aus dem Beschleuniger, Übergang in den Scan-Modus. Und tatsächlich ein leichtes Steigen: „Wow!“ Jetzt bloß nicht zu ungeduldig. Die andern beiden Piloten steigen deutlich besser, mit meiner Höhe komme ich da noch nicht hin. „Nimm’ erstmal den Spatz in der Hand!“ Letzte Chance für den heutigen Tag!?

Und wie so oft beim Streckenfliegen im Flachland: Geduld zahlt sich aus! Ich lasse mich langsam im leichten Steigen versetzen und die Steigwerte werden immer besser. Das Risiko abzusaufen wird immer kleiner und meine Suchkreise werden mutiger. Tobias und Christian steigen mir nicht mehr weg. Okay, jetzt versuche ich es, vor den Wolkenschatten an die Schattengrenze. Nochmal gehe ich mit meinem SECTOR ins Halbgas. Und meine Theorie geht auf: „YES!“ Ich treffe auf einen richtig starken Bart. Nach wenigen Kreisen habe ich die beiden deutlich überstiegen und verliere sie aus den Augen, als ich mich darauf konzentrieren muss nicht in die Basis zu steigen. Schnell bin ich oben und stelle fest gar keinen richtigen Plan für den Tag zu haben!

Geschafft: In der Thermik bis über 1.600 m über Grund

 

Flugaufzeichnung mit Luftraumgrenzen: Gegen den NO-Wind komme ich bei geringer Höhe nicht sicher voran.
(Quelle: xc.dhv.de/google)

 

Tolles Lichterspiel bei tief stehender Sonne

 

Immer wieder konzentrierte Suche nach der nächsten Thermikquelle

 

Wir haben einen schwachen Nordost-Wind von 5-7 km/h, der Tag ist weit fortgeschritten, vielleicht geht es noch eine Stunde thermisch, ein/zwei Bärte vielleicht …. denke ich. Einen Plan hatte ich immer nochmal vor: Einmal nach Hause nach Münster zu fliegen. Es sind knapp 30 km Flugrichtung Osten. Die letzten 10 km limitiert ein Luftraum die maximale Höhe auf 3.500 ft (ca. 1067 m).

Mit der Höhe von ca. 1.600 m mache ich mich auf den Weg Richtung Osten. Fliege eine nächste Wolke an, es geht wieder hoch. Immer wenn ich jedoch die Thermikbärte verlasse, um in die Gleitphase zu gehen, merke ich, dass der Wind deutlich zunimmt. Mein Vario zeigt 11 bis 12 km/h Wind aus Nord-Ost, schon eine deutliche Windkomponente. In den Thermikbärten sind es dann wiederum nur 5-6 km/h. Die „Thermkschläuche“ stehen wie „Säulen“ und werden schwächer vom Wind versetzt.

Ich komme gut voran, jede Wolke bringt mich nach oben. Traumhaft schön die Bilder zwischendurch. Der tiefe Sonnenstand an diesem Sommertag taucht das Münsterland in ein besonderes Licht. Flussläufe, Wasserstraßen und kleine Seen spiegeln in der Landschaft mit grünen Feldern und den goldgelben Getreidefeldern. Apropos Getreidefelder: Auf einigen Feldern arbeiten die Mähdrescher und ernten das Getreide. Schön zu erkennen, wie der Staub mit der warmen Luft nach oben steigt. Fast immer kann ich das Aufwind finden, dass dort ausgelöst wird.

tiefer Sonnenstand und trotzdem gibt es noch Thermik

 

Inzwischen gleite ich unter den Luftraum mit knapp 1.000 m über Grund ein. Nachdem ich zuvor immer hoch war, fühlt sich die Höhe nicht komfortabel an. Schnell ist die Höhe auch aufgebraucht und schnell bin ich unter 600m. Das Vorhalten gegen den Nordostwind kostet viel Höhe. Da die nächsten zwei gedachten Thermikquellen nichts brauchbares liefern, werfe ich meinen Plan über Bord nach Münster zu fliegen. Heute ist nicht der Tag, um nach Hause zu fliegen. Zu gerne würde ich nochmal nach oben kommen, wenn es mir gelänge…

Nochmal geht es nach oben

 

Ich entscheide mich, mit dem Wind weiter Richtung Süden zu fliegen. Zwei Felder mit Mähdreschern helfen mir erneut. Zunächst ganz schwach, dann immer stärker werdend, geht es kurz nach 19:00 Uhr nochmal nach oben. Wahnsinn zu dieser Uhrzeit bei uns im Flachland.  Durch Vorhalten und Windversatz habe ich die Luftbaumgrenze nach Süden verlassen und kann wieder bis an die Basis steigen. Grandios, das Lichterspiel der Abendsonne wird immer imposanter. Ich genieße erneut die Aussicht und die Schlösser des Münsterlandes. Burg Vischering und Burg Lüdinghausen. In der Ferne erkennt man das imposante Schloss Nordkirchen.

Nach 20:00 Uhr, jetzt ist der Thermikofen fast aus

 

Ein letztes Mal geht es um 19:35 Uhr nochmals auf über 1.600 m. Die Thermik wird aber schon deutlich schwächer. Ich telefoniere bereits mit meinem Rückholer und trotzdem geht es erstaunlich noch mehrfach in schwachem Steigen nach oben und etliche Nullschieber lassen mich genüsslich durch die Abendsonne gleiten. Bei Selm (südliches Münsterland an der Grenze zum Ruhrgebiet) geht dann nach über 3 Stunden Airtime meine Reise zu Ende. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich bei uns im Flachland so spät noch thermisch geflogen bin. 20:18 Uhr lande ich auf einer Wiese am Stadtrand.

Happy Pilot! Nach über 3h Airtime und Landung um 20:18 Uhr war es ein grandioser Flug

 

Das Absetzten einer Lademeldung für die Kollegen des Vereins ist obligatorisch. Die sitzen schon beim Landebier und Grillwurst zusammen. An dem Tag war ich wirklich „der Letzte“ in der Luft. Grandioser Flug mal wieder. Ich liebe meinen SECTOR!